Wer Musical-Tickets kauft, hat in der Regel eine Idee davon, was ihn erwartet. Der Käufer von „König der Löwen“-Tickets weiß: es geht um Löwen und den gleichnamigen Disney-Film. Der, der Tickets für „Cats“ erwirbt, ahnt: es geht um Katzen und Musik aus der Feder von Andrew Lloyd-Webber. Was aber , wenn die Vorstellung davon, was man sehen wird und dem, was man tatsächlich zu sehen bekommt, nicht so ganz zusammenpasst? Hierüber hatte das Amtsgericht Kiel (Az.: 110 C 79/17) zu entscheiden. Anlass war der Erwerb von Tickets für das Musical mit dem Titel „Les Misérables – Barricade“.

 

Was war passiert?

In der Musical-Szene war das Thema lange Zeit in der Diskussion und noch heute finden sich aufgrund zahlreicher Inszenierungen genug Gelegenheiten, über das Thema ausgiebig zu streiten: welche Pflichten treffen den Veranstalter in Bezug auf die Bewerbung des Musicals, um keine falschen Vorstellungen bei dem Kunden hervorzurufen. Oder einfacher gesagt: ist der Titel „Les Misérables“ irgendwie irreführend, wenn es sich nicht um die weltbekannte Produktion des Musicals mit der Musik von Claude Michel-Schönberg handelt?

Der Kläger hatte für sich und seine Begleitung Tickets für das von der Beklagten beworbene Musical „Les Misérables“ erworben. Dabei hatte er angenommen, ihm würde nun eben diese weltbekannte Inszenierung dargeboten. Doch falsch gedacht. Das Musical, das er sah, hatte mit dem berühmten Stück nichts zu tun. Vielmehr handelte es sich um eine komplett andere Inszenierung: andere Musik, andere Texte, andere Szenenbilder. Einzig der Titel und die Grundgeschichte waren gleich. Und das war in diesem Fall auch das Problem. Denn der Kläger trug vor, dass ihm nicht bewusst war, dass es sich nun einmal nicht um die auf der ganzen Welt gefeierte Inszenierung handelte. Die Auffassung des Klägers teilten übrigens zahlreiche Zuschauer, die bereits während der jeweiligen Vorstellung in den unterschiedlichsten Städten enttäuscht das Theater verließen.

Sogar Verbraucherschützer warten damals vor der Inszenierung und wiesen darauf hin, dass es sich nicht um das Original handele. Das Amtsgericht Kiel hatte nun zu entscheiden, ob der Veranstalter zur Erstattung des Ticketpreises verpflichtet war. Und es gab dem Kläger Recht: der Ticketpreis musste in vollem Umfang erstattet werden.

Das Gericht begründete seine Entscheidung damit, dass der Veranstalter aufgrund seiner Bewerbung des Musicals nun eben die weltberühmte Inszenierung schuldete. Stattdessen zeigte er aber nun einmal eine ganz andere Inszenierung. Und hierin lag nach Ansicht des Gerichts ein Sachmangel, der den Kläger dazu berechtigte, den Ticketpreis zurückzufordern.

Ausschlaggebend für das Urteil war die Bewerbung des Musicals durch die entsprechenden Plakate.

Dabei stellte das Gericht ausschließlich auf den genutzten Titel „Les Miserables“ und die weltweit bekannte Inszenierung ab. Hierunter, so der Richter, würde „ein durchschnittlich verständiger Betrachter (…) die Werbung der Beklagten dahingehend verstehen, dass das Musical „Les Miserables“, Musik von Claude-Michel Schönberg und deutschem Text von Heinz Rudolph Kunze, basierend auf der gleichnamigen Romanvorlage von Victor Hugo, zur Aufführung gebracht wird. (…)“.

Das Gericht ließ sich von seiner Meinung auch nicht davon abbringen, dass die Plakatwerbung ausdrücklich andere Komponisten und Texter auswies. Denn der besagte, durchschnittlich verständige  Betrachter wisse in der Regel nicht, von wem Text und Musik stammen. Aus diesem Grund sei der Titel des Stücks der für den Zuschauer einzige Beurteilungsmaßstab zur Einordnung des Stücks. Auch waren die Begriffe „Musical-Neuinszenierung“ oder „Musical-Neuproduktion“ kein Anlass für das Gericht, hier für den Veranstalter zu urteilen. Denn solche Begriffe würden nicht ausreichend genug klarstellen, dass es sich um ein ganz anderes Musical handelte als das, was der Kläger erwartete. Dabei sagte das Gericht im Grunde, dass der Begriff „Musical-Neuinszenierung“ darauf schließen lasse, dass eben dieses gezeigte Musical schon einmal aufgeführt worden war – nur eben anders inszeniert. Dass es sich aber um ein ganz anderes Musical handelte, sei für den Kartenkäufer nicht ersichtlich.

 

Eine ganz ähnliche Situation gibt es aktuell in Bezug auf das Musical „Phantom der Oper“, das 2018 unter anderem im Mehr! Theater Hamburg gezeigt wird.  Auch hier scheint die Irritation groß, denn viele Interessierte Musical-Gänger erwarten wohl den Welterfolg von Andrew Lloyd Webber. Doch weit gefehlt. Die Inszenierung hat mit der berühmten Show nichts zu tun – nur die Romanvorlage. Ein Schelm, wer Böses dabei denkt. Und es zeigen sich starke Parallelen zu dem Fall „Les Misérables“. Denn der Veranstalter bewirbt die Show mit den Worten „Das Phantom der Oper – Der Musical-Erfolg nach dem Roman-Bestseller von Gaston Leroux mit Weltstar Deborah Sasson“.

Das Mehr! Theater weist jedenfalls auf seiner Homepage nun darauf hin, dass es sich um eine Neuinszenierung und nicht um den Welterfolg von Andrew Lloyd Webber handelt. Schon einmal ein guter Anfang, wenn auch der Begriff „Neuinszenierung“, wie wir weiter oben ja gelernt haben, nicht korrekt gewählt ist 😉

Eine Antwort

  1. Yvonne

    Auf den Trick mit dem „Phantom der Oper“ bin ich 2008 auch hereingefallen. Angekündigt als „Der Welterfolg mit Deborah Sasson“ in der Stadthalle Wuppertal. Auf der Karte stand, dass es sich um eine Neuinszenierung nach Gaston Leroux handelte. Dass diese keinerlei Ähnlichkeit mit dem Original von Andrew Llyod-Webber hat, war nicht ersichtlich. Entsprechend enttäuscht war ich über die Inszenierung, in der nur unbekannte Musik und Lieder vorkamen.
    Ich finde schon, dass dies ein Fall für die Gerichte ist. Meiner Meinung nach wird hier der Zuschauer absichtlich getäuscht und mit findigen Formulierungen versucht, dies im rechtlich zulässigen Rahmen zu halten.